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Preisträger 2011 bis 2018

Träger des 8. Usedomer Literaturpreises

Schriftsteller Ilija Trojanow

Ilija Trojanow, 1965 in Sofia geboren, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielten. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Von 1985-89 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie an der Universität München. In München gründete er auch 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1992 den Marino Verlag. 1999 zog Trojanow nach Bombay, Indien. Seit 2003 lebt er in Kapstadt.

Die Jury des Usedomer Literaturpreises (Denis Scheck, Dr. mult. Manfred Osten, Dr. Andreas Bossert) zeichnete 2018 Ilija Trojanow aus: "Der in Bulgarien geborene Autor ist – wie sein jüngster autobiographischer Essay „Nach der Flucht“ zeigt – in seine Rolle als Kosmopolit gezwungen worden. Daraus schöpft er eine ungeahnte Kreativität. Populismus, nationale Egoismen und hermetisches Abschirmen fordern eine freie Welt heraus, denn zunehmende Überwachung und ungehemmte Kontrolle des Menschen waren nie größer. Trojanow begehrt dagegen auf. In seinen Werken zeigt er eindrucksvoll, dass das Vertrauen in Demokratie kein Selbstläufer mehr ist, sondern zivilgesellschaftliche Unterstützung, auch von Künstlern, erfordert. Auf die Stimme Ilija Trojanows – dem "Nomaden auf vier Kontinenten“ – ist dabei Verlaß. Er überwindet mit kraftvoller Stimme Grenzen und ist damit ein Weltbürger im besten Sinne."

 

Trägerin des 7. Usedomer Literaturpreises

Schriftstellerin Joanna Bator

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Die Begründung der Jury (Laura Karasek, Dr. mult. Manfred Osten, Dr. Andreas Kossert): »Mit ihren international vielbeachteten Werken, insbesondere auch ihrem letzten Roman "Dunkel, fast Nacht" (2012, auf deutsch 2016), zählt sie zu den wichtigsten literarischen Stimmen unseres Nachbarlandes. Sie ist Meisterin der literarischen Archäologie, in dem sie auf feine Art und Weise historische Schichten freizulegen versteht, etwa anhand der Topographie Schlesiens. Gleichzeitig ist sie eine glänzende Beobachterin sozialer Beziehungen und zeigt die Vielschichtigkeit einer fragilen Gesellschaft. Joanna Bator zeigt die Ohnmacht einer modernen Gesellschaft, die in einer größer werdenden Sprachlosigkeit mündet zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Provinz und Großstadt. Gleichzeitig wird in ihren subtilen Gesellschaftsanalysen sichtbar, wie Populismus und verbale Brandstiftung zu physischer Gewalt führen können. Schonungslos beschreibt sie, wie schnell Gerüchte und Vorurteile in blanken Hass umschlagen können. Joanna Bators Themen sind auf verstörende Weise zeitlos und damit eine wichtiges Plädoyer für Wachsamkeit, für eine offene Zivilgesellschaft und Toleranz.«

 

Trägerin des 6. Usedomer Literaturpreises

Schriftstellerin Dörte Hansen

Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, lernte in der Grundschule, dass es außer Plattdeutsch noch andere Sprachen auf der Welt gibt. Die Begeisterung darüber führte zum Studium etlicher Sprachen wie Gälisch, Finnisch und Baskisch und hielt noch an bis zur Promotion in Linguistik. Danach wechselte sie zum Journalismus, war einige Jahre Redakteurin beim NDR und arbeitet heute als Autorin für Hörfunk und Print. Sie lebt in der Nähe von Hamburg. „Altes Land“ ist ihr erster Roman. 

Jurymitglied Dr. Andreas Kossert (Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin) über die Preisträgerin: »Den Usedomer Literaturpreis erhält Dörte Hansen für ihren Roman „Altes Land“. Die Jury würdigt diese besondere Erzählung deutscher Nachkriegsgeschichte über mehrere Generationen. Dörte Hansen hat einen modernen Heimatroman geschrieben, der die gesamte Gebrochenheit dieses Begriffs im Spiegel mehrerer Familien zeigt: Flüchtlinge und Einheimische. Sie zeigt, dass viele Millionen Deutsche zu Heimatlosen geworden sind, die in der Fremde – im Alten Land – nicht willkommen waren. Der Roman führt die Leser auf eine Zeitreise durch das Deutschland von 1945 bis heute, fein beobachtet, mit großer Ironie und trockenem Humor. Ungewollt ist ihr Buch angesichts heutiger Flüchtlinge erschütternd aktuell. Dörte Hansen hat sich damit in herausragender Weise um den europäischen Dialog verdient gemacht.«

 

 

Trägerin des 5. Usedomer Literaturpreises

Schriftstellerin Ulrike Draesner

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen, lebt in Berlin. Ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Essayistik, Hörspiel. Für ihre Gedichte und Romane wurde Ulrike Draesner mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik, dem Roswitha-Preis, dem Solothurner Literaturpreis und dem Drostepreis. Sie schreibt Romane, Erzählungen und Gedichte, und interessiert sich für Naturwissenschaften, wie für kulturelle Debatten. Für ihren neuesten Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt erhält sie den Usedomer Literaturpreis.

Jurymitglied Dr. Andreas Kossert (Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin) über die Preisträgerin: »Den Usedomer Literaturpreis 2015 erhält Ulrike Draesner für ihren Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Damit zeichnet die Jury eine bedeutende Schriftstellerin aus, die auch als Lyrikerin besondere Maßstäbe im deutschsprachigen Literaturraum setzt. In ihrem großartigen Roman erzählt sie in neun Stimmen die Familiengeschichten von Familie Grolmann sowie einer polnischen Familie über mehrere Generationen. Beide Familien teilen die Erfahrungen von Heimatverlust und Vertreibung 1945. Die aus Schlesien stammenden Grolmanns enden in Bayern, Halka aus Lemberg im heute polnischen Breslau. Beide Familien tragen den Verlust in sich und müssen sich in einer fremden Welt zurechtfinden. Der 1930 in Schlesien geborene Eustachius Grolmann und seine Tochter Simone ergreifen denselben Beruf, beide werden Primatenforscher und widmen ihr gesamtes Berufsleben der Erforschung zentralafrikanischer Affen. Draesner gewährt damit Einblicke in Verhalten und Emotionalität der dem Menschen nächsten Artverwandten. Gleichzeitig spürt sie durch das Prisma der Affenforschung unterschiedlichen Ebenen von Erinnerung und Vergessen, von Trauer und Schmerz nach. Auf überzeugende und kompositorisch brillante Weise spiegelt sie gleichzeitig durch unterschiedliche polnische und deutsche Erfahrungen mentale Prägungen, die jenseits nationaler Meistererzählungen über das Fortwirken von familiärer Herkunft sowie dem Weitertragen von Erinnerungen und Schuldgefühlen Auskunft geben. Erschütterungen, Verletzungen und Verlusterfahrungen haben sich in die Biographien eingegraben, die im Laufe des Romans freigelegt werden, schonungslos offen. Ulrike Draesner gelingt eine besondere polnisch-deutsche Familiengeschichte, ein großer Roman über verlorene und neugewonnene Lebenswelten in der Mitte Europas und die Conditio humana im 20. Jahrhundert.«

 

 

Träger des 4. Usedomer Literaturpreises

Autor Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Grandhotel, nach Der Himmel unter Berlin sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman, wurde 2006 verfilmt. 2012 erschien Die Stille in Prag. Sein vierter Roman Vom Ende des Punks in Helsinki erschien 2014, dem gingen Übersetzungen ins Französische, Finnische und Polnische voraus.Zoiper Click2Dial 2012/13DE hatte Jaroslav Rudiš die Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Die Verfilmung seiner Graphic Novel Alois Nebel, illlustriert von Jaromír 99, lief im Dezember 2013 in den deutschen Kinos an.

Jurymitglied Dr. Andreas Kossert (Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin) über den Preisträger: »Mit Jaroslav Rudiš zeichnet die Jury 2014 eine wichtige tschechische Stimme im Konzert der europäischen Gegenwartsliteratur aus. Dem Preisträger gelingt es, seine Leser in absurde Welten des tschechischen Alltags zu entführen und diese sind – das ist sein literarisches Verdienst – bereit, ihm zu folgen. Immer wieder versteht es Jaroslav Rudiš schelmenhaft Grenzen in den Köpfen zu überwinden, gewürzt mit wunderbarer Ironie. Mit seiner Graphic Novel »Alois Nebel« hat er zudem ein Genre für die Literatur wieder- und neuentdeckt. Er nimmt uns mit auf seine Wanderungen zwischen Traum und Wirklichkeit, über Grenzen und historische Konstellationen hinweg und offenbart seinen Lesern die mentalen Welten Mitteleuropas.«

 

Träger des 3. Usedomer Literaturpreises

Autor Jan Koneffke

Der 1960 in Darmstadt geborene Jan Koneffke, absolvierte das Studium der Philosophie und Germanistik in Berlin. 1995 erhielt er ein Villa-Massimo-Stipendium und verbrachte fortan mehrere Jahre in Rom. Hier arbeitete er als Kulturkorrespondent für Zeitungen und Rundfunkanstalten. Bislang hat er fünfzehn Bücher veröffentlicht und wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet,  unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik, den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Offenbacher Literaturpreis. Heute lebt und arbeitet er als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien und Bukarest.

Aus der Begründung der Jury (Thomas Schulz, Prof. Dr. Hellmuth Karasek, Dr. Andreas Kossert): »(...) eine der aufregendsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur, er ist ein literarischer Wanderer durch ferne nahe Landschaften, die den deutschsprachigen Lesern lange versunken schienen. Er führt uns nach Mitteleuropa, etwa nach Pommern oder in die rumänische Walachei und fordert uns durch seine eigenwilligen Perspektiven auf, liebgewonnene westzentrierte Denkmuster kritisch zu hinterfragen. Es ist offenbar die Möglichkeit einer besonderen Art von politischer Reflexion und Stellungnahme, die Jan Koneffke in seinen Romanen »Eine nie vergessene Geschichte« und »Die sieben Leben des Felix Kannmacher« antreibt und reizt. Den Autor interessieren die Prägungen und Verheerungen des individuellen Lebens durch Ideologien und historische Ereignisse – so sind seine Figuren, die manchmal grotesk überzeichnet scheinen, Versehrte der Geschichte. In seiner erzählerischen und stilistischen Brillanz nimmt Koneffke den Leser mit auf eine Reise durch Räume und Zeiten des Kontinents Europa mit allen seinen Widersprüchen und Konflikten.«

 

Trägerin des 2. Usedomer Literaturpreises

Autorin Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk wurde 1962 in Sulechow (Polen) geboren. Bevor sie als Schriftstellerin Erfolge feierte, studierte sie Psychologie in Warschau und arbeitete in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. Ihr Romandebüt Die Reise der Buchmenschen erschien 1993 und wurde von der Gesellschaft der polnischen Buchverlage als bestes Prosadebüt ausgezeichnet. Für ihren dritten und bislang erfolgreichsten Roman Ur und andere Zeiten erhielt sie den Nike-Publikumspreis und 2008 für Unrast den Nike-Literaturpreis, die bedeutendste literarische Auszeichnung Polens.  Ihr 2011 erschienener Roman Der Gesang der Fledermäuse soll verfilmt werden.

Aus der Begründung der Jury (Prof. Dr. Hellmuth Karasek, Dr. Andreas Kossert und Dr. Doris Lemmermeier): »Olga Tokarczuk erhält den Usedomer Literaturpreis für ihr bisheriges literarisches Schaffen sowie für die literarische und intellektuelle Manifestierung der Region Niederschlesien in der europäischen Geschichtserfahrung und in der polnischen Sprache. Ihre mutigen, bisweilen radikalen Inhalte kleidet sie in klare, ruhige Worte und erschafft eine geheimnisvolle Poesie.«

 

Trägerinnen des 1. Usedomer Literaturpreises:

Autorin Radka Denemarková und Übersetzerin Eva Profousová

Radka Denemarková, geboren 1968, studierte Germanistik und Bohemistik in Prag, wo sie 1997 promovierte. Sie unterrichtet am Institut für tschechische Literatur in Prag, übersetzt aus dem Deutschen und arbeitet als freie Journalistin. Ein herrlicher Flecken Erde, ihr zweiter Roman, wurde mit dem Magnesia Litera, dem bedeutendsten tschechischen Literaturpreis, ausgezeichnet und wird gegenwärtig verfilmt.
Eva Profousová, geboren 1963 in Prag, emigrierte 1983 nach Deutschland. In Hamburg und Glasgow studierte sie Slawistik und Geschichte. Seit 2002 arbeitet sie als freiberufliche Publizistin und Literaturübersetzerin. Zu ihren Übersetzungen zählen unter anderem Prosatexte von Jachym Topol, Jaroslav Rudiš, Michal Viewegh, Miloš Urban, Radka Denemarková und Tereza Boučkova sowie Theaterstücke von Zelenka, Jan Pitinsky und Jachym Topol.

Jurymitglied Dr. Andreas Kossert (Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin) über die Preisträgerin: »Radka Denemarková hält mit ihrem Roman ‚Ein herrlicher Flecken Erde’ einen literarischen Schlüssel zum Verständnis der komplexen Geschichte Tschechiens während und nach dem Zweiten Weltkrieg bereit. NS-Terror, Besatzung und Konzentrationslager gehören zu den Erfahrungen der Protagonistin Gita Lauschmannová, als sie nach der Befreiung als Holocaust-Überlebende in ihr Heimatdorf zurückkehrt und dort nunmehr als Deutschsprachige vertrieben wird. Der Roman schildert die Auseinandersetzungen in der tschechischen Nachkriegsgesellschaft und ist gleichzeitig bestechend in seiner Kompromisslosigkeit und dem Ringen um Verständigung